Wer ist hier der Pedant?


Foto: aboutpixel.de / dottie

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Es war gestern ziemlich voll beim Portugiesen in Hamburg. Das Wetter war über jeden Zweifel erhaben, was in der angeblich schönsten Stadt der Welt nicht selbstverständlich ist – von diesem miesen Sommer ganz zu schweigen. Und während drinnen noch einige Plätze frei waren, waren draußen mehrere zusammen hängende Plätze schwer zu finden. Da muss man schon mal ein wenig optimieren und mehrere Gästegruppen an einen Sechsertisch setzen – kein Problem. Wir sind ja nicht in Köln, wo so etwas sofort ausgenutzt werden würde, um wildfremden Menschen eine Blase an’s Ohr zu labern. Das schätze ich so am Norden.

Vor dem Restaurant ging es also zu wie am Flughafen. Und bei so hoher Gäste-Fluktuation geht es natürlich etwas drunter und drüber. Der Kellner muss ASAP die leeren Teller der Vorgänger abräumen, die Reste beseitigen, die auf Grund ungenügend trainierter motorischer Fähigkeiten nicht den Weg in den Verdauungstrakt der Gäste gefunden haben, den Tisch feucht abwischen und die nächsten Gäste an den Tisch setzen. Time is Money.

Im Eifer des Gefechts hat der Kellner, um Platz für die nächsten Gäste an unserem Tisch zu schaffen, mein Bierglas abgeräumt. Das war allerdings noch nicht wirklich leer, sondern noch zu einem Drittel mit leckerem und kühlem Sagres gefüllt. Ich machte den Kellner auf sein kleines Missgeschick aufmerksam, höflich aber dennoch mit einem – wie ich finde – subtilen Unterton, der suggerieren sollte, dass ich es schon für angebracht halten würde, ein neues Glas Bier zu bekommen.

Der Kellner verstand mich sofort, entschuldigte sich und brachte mir prompt ein neues Glas. Das war zu etwa einem Drittel leer. Ein Tausch “Drittel leer gegen Drittel voll” – also eigentlich gar nicht so schlecht für mich gelaufen. Trotzdem fand ich das Ganze ziemlich kleinlich. Der hätte mir ja jetzt auch ein volles Glas bringen können, schließlich hat er meins ja einfach geklaut und entsorgt.

Als wir aufgegessen hatten, bezahlte ich und gab ein Trinkgeld, das auf Grund des kleinen Zwischenfalls definitiv kleiner als gewöhnlich ausfiel. Beim Verlassen des Restaurants war ich dann aber dennoch am Überlegen, wer hier jetzt eigentlich der Pedant ist. Ich, weil ich nicht einfach auf mein fast leeres Glas Bier verzichten wollte, oder er, weil er mir kein volles Glas gebracht hat.

Nach langem Überlegen, weiß ich es immer noch nicht. Tatsache ist aber, dass das Restaurant mein Geld braucht. Ich habe im Portugiesenviertel so viel Auswahl, dass ich das nächste Mal einfach woanders hingehen kann. Das mag ich so an der Marktwirtschaft. Somit war der Kellner unter’m Strich vielleicht nicht pedantischer als ich, aber auf jeden Fall der Verlierer.

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